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Das Gemälde

Von Silvia aus Heidelberg

In jener Nacht konnte ich auf der Gästecouch, die im Arbeitszimmer meines Großvaters stand, einfach nicht schlafen. Ein richtig schweres Sommergewitter tobte über der Gegend des kleinen Dorfes, an dessen Waldrand das alte und auch schon etwas morsche Haus meiner Großeltern stand. Seit Stunden peitschte der Regen gegen die Fenster und der Wind heulte fürchterlich um das Haus. Er riss und rüttelte entsetzlich an den alten Holzfensterläden. Blitz- und Donnerschläge lösten sich ununterbrochen ab und erhellten das Zimmer immer wieder.

Das alte Ölgemälde, welches an der Wand über dem Schreibtisch hing, erweckte bei mir schon, als ich ein Kind war, ein gruseliges Gefühl in der Magengegend. Jetzt bei diesem nächtlichen Sturm hatte ich jedoch auch als erwachsene Frau den Eindruck, dass dieses bekannte Angstgefühl wie ein großer dunkler Schatten über mich zu kommen schien.

Auf dem Gemälde waren mehrere Leute zu sehen, die alle eine handwerkliche Tätigkeit ausübten. Eine der Frauen, sie nähte an einem Kleid, blickte den Betrachter des Bildes direkt an – so machte es den Eindruck. Egal an welcher Stelle im Arbeitszimmer man sich befand, ihre Augen verfolgten einen immer. Meine etwas ältere Schwester und ich hatten das als Kinder mehrfach ausprobiert und fanden es damals sehr spannend. Ich fand auch immer, dass von dieser Frau auf dem Gemälde eine gewisse Faszination aus ging. Jetzt mit diesen hellen Lichtblitzen, die das tobende Gewitter verursachte, empfand ich es wieder als sehr realistisch, dass diese Frau mich die ganze Zeit ansah. Ich hatte den Eindruck, dass es ein abwartender, ruhiger, jedoch hell wacher Blick war. So als würde sie auf etwas ganz Bestimmtes warten oder als ob sie etwas vorhätte. Meine Bettdecke hatte ich vor Unbehagen bis zum Kinn nach oben gezogen. Aufstehen und das Zimmer verlassen wollte ich einfach nicht, denn ich war ja längst kein Kind mehr.

Da donnerte es draußen erneut sehr heftig und ein besonders heller Blitz erleuchtete das Zimmer und auch das Gemälde. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich jetzt den Eindruck, die Frau auf dem Bild hätte sich bewegt. Vor Schreck und Angst schloss ich die Augen und zog mir die Bettdecke bis über den Kopf. Als ich nach einer kurzen Weile meine Decke wieder ein kleines Stück nach unten zog, um etwas zu sehen, stockte mir fast der Atem. Gerade noch sah ich einen Schatten durchs Zimmer huschen und dass sich meine Zimmertüre fast geräuschlos einen Spalt öffnete und sich danach gleich wieder schloss.

Ein kurzer, unwillkürlicher Blick auf das Gemälde jagte mir sofort den nächsten Schrecken durch die Glieder. Die Frau auf dem Gemälde war nicht mehr da. Was ich sah, war das Bild eines gewaltigen Blitzes, so als hätte gerade eben jemand ein anderes Bild in den alten antiken Rahmen gespannt. Reflexartig zog ich mir die Bettdecke wieder über Kopf. Angestrengt dachte ich darüber nach, ob ich in letzter Zeit vielleicht doch etwas zu viel gearbeitet hatte oder ob ich jetzt einfach so verrückt werden würde. Angespannt lauschte ich in die Dunkelheit, doch außer den Geräuschen, die das Gewitter verursachte, hörte ich nichts Ungewöhnliches mehr. Keine Schritte, keine Türschlösser oder sonstige Laute. Weil ich eigentlich doch ziemlich müde war, schlief ich irgendwann ein.

Am kommenden Morgen war das Gewitter längst vorbei und es schien wieder die Sonne. Im ersten Moment, ich hatte ja alles andere als gut geschlafen, versuchte ich meine sonderbaren Erlebnisse der vergangenen Nacht zu rekonstruieren. Hatte ich das alles nur geträumt? Oder war vielleicht vor lauter Angst meine Phantasie mit mir durchgegangen? Das Gemälde jedenfalls sah so aus wie immer. Die Leute darauf gingen ihrer gewohnten Tätigkeit nach und auch die Näherin blickte mich bei ihrer Arbeit an wie immer.

Als ich das Frühstückszimmer meiner Großeltern betrat, piekste mich meine Großmutter neckisch in die Seite und sagte „Na du machst vielleicht Sachen und das mitten in der Nacht. Das Unwetter hat uns wohl alle nicht besonders gut schlafen lassen. Hättest ruhig zu uns kommen können, wir saßen in der Küche. Aber wie es aussieht, hast du lieber etwas Nützliches getan. Wir haben gar nicht gehört, wie du ins Wohnzimmer gegangen bist.“ Da ich wohl sehr fragend drein blickte, meinte meine Großmutter weiter „Nun tu doch nicht so unschuldig. Wir haben die Jacke schon gesehen. Hier ist sie. Du hast den Ärmel wirklich sehr ordentlich angenäht. Deine Schwester wird den Schaden gar nicht mehr sehen. Wo hast du eigentlich so gut nähen gelernt? Ich dachte immer die jungen Frauen von heute wollen so etwas „langweiliges“ wie Nähen nicht mehr selbst machen oder können es auch gar nicht mehr. Wir hätten die Jacke aber auch einfach unserer Schneiderin im Dorf gegeben können.“ Mir stand der Mund weit offen und ich brachte vor lauter Überraschung keinen Ton heraus.

Verstand ich das alles richtig? Vergangene Nacht hatte jemand den Ärmel der Jacke wieder angenäht. Mein Großvater sagte schließlich „Nun lass sie sich doch mal hinsetzen und etwas frühstücken. Ihre Schwester holt sie doch um zehn Uhr schon ab.“

Während ich schweigend ein Marmeladenbrötchen aß, überschlugen sich die Gedanken in meinem Kopf. Konnte das, was ich heute Nacht erlebt hatte, wirklich passiert sein. Diese Frau auf dem Bild. Sie war offensichtlich eine Schneiderin. Doch das Bild war schon sehr alt. Außerdem spielte diese Tatsache auch gar keine Rolle, denn es war nur ein Gemälde und die Personen darauf waren nur Farb- und Pinselstrich. – Oder etwa nicht…? All diese Gedanken verursachten mir erneut ein äußerst gruseliges Gefühl in der Magengegend.

Am Vortag hatte ich meinem Großvater beim Pflücken der Kirschen von einem seiner Bäume im Garten geholfen. Da ich wohl einen Moment etwas unachtsam war, rutschte ich ab und blieb an einem Ast hängen. Dabei riss der Ärmel von der Jacke meiner Schwester fast ab. Da mir meine Schwester die Jacke eigentlich nur sehr widerwillig für dieses Wochenende geliehen hatte, wusste ich, sie würde dieses Missgeschick sehr ärgerlich machen. Bei dieser Jacke handelte es sich um ihre Lieblingsjacke, die ein Geschenk ihrer besten Freundin war. Meine Großmutter sprach mir gut zu und legte die kaputte Jacke ins Wohnzimmer, um sie bei nächster Gelegenheit der Schneiderin aus dem Dorf zu bringen.
Da fiel mir ein, dass wir das ganze Missgeschick, welches mit der Jacke passiert war, im Arbeitszimmer meines Großvaters besprachen. Die Näherin auf dem Bild hatte also alles mitbekommen. „Aber zum Kuckuck“, dachte ich zornig auf mich selbst, „diese Frau ist nur auf einem Gemälde!“ Und trotzdem, der Beweis lag neben mir auf einem Stuhl. Irgendjemand hatte heute Nacht den Jackenärmel wieder angenäht. Meine Großeltern waren es nicht und ich war es auch nicht. Also wer hat es getan?

Wir waren gerade fertig mit frühstücken, da klingelte es auch schon an der Haustür. Meine Schwester kam auf dem Rückweg ihrer Geschäftsreise vorbei, um mich bei unseren Großeltern wieder abzuholen. Wir wohnten beide in einer nahe gelegenen Stadt. Da sie leider nicht viel Zeit hatte, wartete sie im Eingangsbereich, bis ich aus dem Arbeitszimmer meine Reisetasche holte. Im Arbeitszimmer angekommen, steckte ich eilig noch ein paar letzte Sachen in die Tasche. Bevor ich jedoch das Zimmer wieder verließ, betrachtete ich noch einmal kurz die Frau auf dem Gemälde. Während ich sie so ansah, sagte ich, ohne wirklich darüber nachzudenken was ich da tat, ganz leise „Danke.“ Da erschrak ich im nächsten Moment schon wieder, denn ich glaubte zu sehen, dass mir die Frau auf dem Gemälde zugezwinkert hatte…